Peter Reichenberger - Wahrnehmung des Anderen

Bilder zur Ausstellung vom 25.01. – 07.03.2004

Anlässlich der Ausstellungseröffnung gab es ein Violinkonzert, das in einem Film von Peter Malchus künstlerisch festgehalten wurde.

Seit undenklichen Zeiten ist die „Handschrift“ des Künstlers, die unverwechselbare Eigenart der Zeichensetzung, ein Topos kunstgeschichtlicher Bewertungs- und Einordnungskriterien. Ihr dankt man Zuschreibungsmöglichkeiten, und sie gibt jene auratischen Weihen, die ein Kunstwerk unverwechselbar und mithin wertvoll, ja unwiederbringlich machen.

Gerade bestimmte Kunstformen des 20. Jahrhunderts wie Action Painting und Informel haben diesen subjektiven Aspekt malerischer Anwendungsformen derartig in den Vordergrund gestellt, dass man getrost von einer Thematisierung des Malprozesses sprechen kann: Der Künstler bringt den Bewegungsgestus ein, der Betrachter kann ihn nachvollziehen.

Einen höchst individuellen Beitrag in diesem Kontext leistet Peter Reichenberger mit seinen aus Abdrücken von Handteller oder Fingerkuppen gefertigten „Gemälden“. Die individuelle Textur der Hand- und Fingerflächen mit den feinen, nichtsdestoweniger aber markanten Mikrostrukturen der Haut reiht er durch das wohl elementarste Stempelverfahren, das in der zivilisierten Welt bekannt ist, zu zum Teil sehr großflächigen Strukturen aus Farbe. Die zeilige Anordnung rhythmisiert er zusätzlich durch Versatz und erzielt durch farbige Verdichtungen changierende Abweichungen und subtile Übergänge. Die auf den ersten Blick amorphe, weil leibliche Struktur des „Stempels“, die eher vegetabile Formen erwarten lässt, wird durch die Choreographie der strengen Anordnung gebändigt.

Den zufälligen, auf organisches Wachstum basierenden „Hautpattern“ wird ein „Aufführungsrahmen“ zugeordnet, der Halt verleiht und die chromatischen Abfolgen reglementiert.

Dass Farbe und Naturform sich einem allzu strengen Reglement zu entziehen wissen, steht dazu nicht im Widerspruch. Widersprüchlich allerdings ist, dass die größtmögliche Form von Subjektivität, nämlich der Abdruck der eigenen Fingerkuppe bzw. des Handtellers, durch das schichtweise Übereinanderstempeln zu einem Höchstmaß an Objektivität führt. Das Ich wird sozusagen zum Wir. Es bleibt einzig dem Bildgrund verhaftet. Reichenberger ist also weder Narziß noch Selbstentblößer. Was er uns vor Augen hält, ist eine besondere Art von Menschenbild, anonym und individuell zugleich.

Die feinen, verschlungenen Liniengespinste der Haut, die als lineare Setzungen den Blick gefangen nehmen und ihn in mäandrig verschlungene Kurvaturen „entführen“, bauen ebenfalls virtuelle Raumbezüge auf und lassen die de facto plane Fläche vergessen.

 

Christiane Vielhaber

Dezember 2003